Carl Gustav Carus

Der Namensgeber unserer Akademie, Carl Gustav Carus, wurde am 3. Januar 1789 in Leipzig geboren. Mit 22 Jahren schließt er bereits das Medizinstudium an der Universität Leipzig ab, promoviert innerhalb eines Jahres (1811) zum Dr. phil. und Dr. med. und habilitiert sich mit dem Thema „Entwurf einer allgemeinen Lebenslehre". Mit 25 Jahren erhält er die Berufung als Professor an die Lehranstalt für Medizin und Chirurgie in Dresden. Ein Jahr später siedelt er ganz von Leipzig nach Dresden über, wo er bis zu seinem Tode am 28. Juli 1869 lebt.

1827 erfolgt die Berufung zu einem der drei Leibärzte des sächsischen Königs, was einerseits die Aufgabe der akademischen Lehrtätigkeit bedeutet, andererseits aber eine größere zeitliche und finanzielle Unabhängigkeit gewährt. Carus verfasst in dieser Zeit über 80 Schriften zu vielfältigsten Themen.

Carl Gustav Carus steht ebenso wie Rudolf Virchow am Wendepunkt einer alten, ausklingenden Medizin, die ihre Wurzeln bis Hippokrates zurückverfolgt, und einer neuen, aufkeimenden Medizin, die ihre Begründung in der Naturwissenschaft sucht. Während Virchow die Medizin ganz auf die objektivierbaren Gesetzmäßigkeiten von Mechanik, Physik und Chemie stützt und alle Subjektivität verbannen will, setzt Carus seine ganze Arbeit dafür ein, den in der Natur und im Menschen wirksamen Geist (Spiritus) als Anteil der Medizin zu sichern. Das begründet auch seine Geistesverwandtschaft und Lebensfreundschaft mit Goethe und von Humboldt.

Zehn Jahre vor seinem Tod veröffentlicht er sein Alterswerk „Erfahrungsresultate aus ärztlichen Studien und ärztlichem Wirken", in dem er seine Lehren von einer wissenschaftlichen und zugleich spirituellen Medizin zusammenfasst. Er ist damit ein Vorläufer der Medizin, wie sie heute als Ganzheitsmedizin gefordert wird und für die ein Jahrhundert später Rudolf Steiner wegweisende Anstöße gab. Die spirituelle Durchdringung einer sich auf Naturwissenschaft gründenden ("rationalen") Medizin ist das Anliegen der Carus Akademie, und Carus und Steiner sollen ihre geistigen Paten sein.

Carl Gustav Carus - Leben und Werk

Carl Gustav Carus wurde am 3. Januar 1789 als Kind des Färbermeisters August Gottlob Ehrenfried Carus (1763-1842) und seiner Frau Christiane Elisabeth, geb. Jäger (1763-1846) in Leipzig geboren. Er blieb das einzige Kind seiner Eltern und wuchs in den ersten Jahren einige Zeit bei seinen Großeltern auf, bis der Vater durch einen eigenen Färberei- und Druckereibetrieb ein gesichertes Einkommen hatte, das dann die kleine Familie ernähren konnte. Erst mit 12 Jahren kam Carus auf eine öffentliche Schule. Vorher war er durch Hauslehrer und den älteren Bruder der Mutter unterrichtet worden. Dabei fiel früh das Interesse an Naturwissenschaften auf sowie ein Talent beim Zeichnen vor allem von Naturformen. Bereits mit 15 Jahren erlangt Carus die Hochschulreife und beginnt ein Studium der Chemie, Physik und Botanik, hinzu kommen später Zoologie, Geologie und Mineralogie – ein umfassendes Studium der Naturwissenschaften. Der Vater hofft auf die Übernahme der Färberei durch den Sohn, der sich aber nach vielen Überlegungen schließlich zum Arztberuf und damit dem Medizinstudium entschließt, das er 1806 beginnt und in dem er die größte Möglichkeit sieht, eine Summe aller Naturwissenschaften zu finden und später auch praktisch anwenden zu können.
 
Schon in der Studienzeit kann er an einer neugegründeten großen Entbindungsanstalt in Leipzig als persönlicher Schüler des Leitenden Arztes praktische Erfahrungen sammeln. 1811, also mit 22 Jahren, schließt er das Medizinstudium ab, promoviert zunächst zum Dr. phil., knapp ein Jahr darauf auch zum Dr. med. und wird Assistenzarzt an der genannten Entbindungsanstalt. Schließlich habilitiert er sich und nimmt 1812 das Recht wahr, nun Vorlesungen zu halten, vor allem zu Themen einer vergleichenden Anatomie. Am 1. November 1811 heiratet er seine Frau Karoline, geb. Carus, eine jüngere Stiefschwester seines Vaters, die eine Zeitlang im Hause seiner Eltern lebte und dort im Haushalt half. Um wirtschaftlich überleben zu können, nimmt er neben der akademischen Tätigkeit eine Stelle als Armenarzt im Grimmaischen Viertel in Leipzig an.
 
Von Beginn an entfaltet Carus eine intensive wissenschaftliche Arbeit, schwerpunktmäßig zunächst in vergleichender Anatomie. Durch die napoleonischen Kriege wird er darüber hinaus auch als Wundarzt am Lazarett verpflichtet. Dabei erkrankt er schwer an Typhus, was er aber, obwohl eine Zeitlang dem Tode nahe, überlebt. Schon 1815 erhält er eine Berufung für eine Professur für Anatomie und Physiologie nach Dorpat, die er aber ablehnt. Im gleichen Jahr erhält er die Berufung nach Dresden als Professor für Geburtshilfe und Leiter des Entbindungsinstituts und der angeschlossenen Hebammenanstalt. Diesem Ruf folgt Carus nach einigem Zögern und verlässt Dresden nicht mehr, trotz vieler Angebote anderer Universitäten, schließlich sogar Berlins. Die äußerst kunstsinnige Stadt nimmt ihn gefangen, er findet hier alle Möglichkeiten, seine universellen Begabungen zu entfalten und erlebt zunehmend auch Förderung durch das Königshaus, von dem er 1827 als einer von drei Leibärzten berufen wird. In Dresden trifft er auf den Maler Caspar David Friedrich, mit dem er sich befreundet, und der ihn zu eigenem Schaffen anregt, sodass Carus auch ein in seiner Zeit bekannter Landschaftsmaler wird. Ab 1818 beginnt er eine Korrespondenz mit Johann Wolfgang von Goethe, die bis zu dessen Tod andauert und zu einem intensiven Austausch beider naturwissenschaftlicher Forschungen führt. Persönlich begegnet sind sie sich allerdings nur einmal und nur einen Tag lang in Weimar.
 
Als jüngster Teilnehmer gründet er 1822 die „Gesellschaft deutscher Naturforscher und Ärzte" in Leipzig mit und hält auch gleich eine vielbeachtete Rede. In dieser Zeit erscheint sein „Lehrbuch der Gynäkologie", ein lange anerkanntes erstes Standardwerk, dem später ein weiterer Band zur Geburtshilfe folgt. Durch viele Reisen erweitert er seinen Wahrnehmungshorizont und betreibt eine zunehmend auch von besser gestellten Persönlichkeiten Dresdens und dem Adel frequentierte ärztliche Praxis. Sieben Kinder werden seiner Frau Karoline und ihm geboren, aber nur zwei werden ihn überleben. Immer wieder greift das Schicksal durch den Tod eines seiner Kinder in sein Leben ein und intensiviert die schwermütige Seite seines Seins, aus der er sich meistens vermittels der Kunst befreit.
 
Seine wissenschaftlichen Werke sind umfangreich und vielfältig. In der Medizin verfasst er bahnbrechende Werke zur Psychologie und zur Physiologie, beschäftigt sich mit vergleichenden Untersuchungen zur menschlichen Gestalt, schreibt Anweisungen zu einer Lebenskunst und verfasst 1859 als Siebzigjähriger rückblickend auf sein Arzttum die Schrift „Erfahrungsresultate aus ärztlichen Studien und ärztlichem Wirken während eines halben Jahrhunderts". Darüber hinaus verfasst er sozialmedizinische Arbeiten, in denen er Missstände aufzeigt und die Verantwortlichkeit des Staates anmahnt, er stellt Forderungen nach Reformen des Gesundheitswesens und des Medizinstudiums auf. Er schreibt Briefe zu Goethes „Faust" oder zur Landschaftsmalerei und schließt sein umfangreiches Werk mit einer Autobiographie: „Lebenserinnerungen und Denkwürdigkeiten".
 
Im Alter vereinsamt Carus. Alle bedeutenden Freunde sind vor ihm gestorben, 1852 auch die geliebte Tochter Eugenie, 1859 seine Frau Karoline, nach 48 Jahren Ehe. Von außen kommen viele Ehrungen, Carus jedoch zieht sich immer mehr zurück, gibt nach schwerer Erkrankung 1867 seine ärztliche Praxis auf und stirbt am 28. Juli 1869 in seiner Villa Cara in Dresden. In seinem Testament finden sich die Sätze: "Ein langes und reiches Leben war mir gegönnt, und ich scheide davon als von keinem verfehlten Kunstwerk, vielmehr mit innigem Dank gegen Gott und mit aufrichtiger Liebe zu den Menschen! – Möge Gott mir begangene Fehler verzeihen, und möge von den Menschen ein wohlwollendes Gedächtnis mir vergönnt werden."
 
Eine noch ausführliche Darstellung des Lebens und Wirkens von Carl Gustav Carus finden Sie in Volker Fintelmann (Hrsg.): Carl Gustav Carus. Begründer einer spirituellen Medizin und ihre Bedeutung für das 21. Jahrhundert. Verlag Johannes M. Mayer Stuttgart 2007 (bestellen bei amazon, im Buchhandel, bei info3 oder direkt in der Carus Akademie).

Carl Gustav Carus - ein Portrait von Johann Carl Rössler, das ungefähr 1800 entstanden ist."Eichen am Meer" - ein Landschaftsgemälde von Carl Gustav Carus. Deutlich erkennbar die Verwandtschaft mit der Malerei von Caspar David Friedrich, mit dem Carus befreundet war.Blick auf Dresden von der Brühl'schen Terrasse aus – ein Gemälde von Carl Gustav Carus, entstanden um 1830.